Testbericht Velocite SCS Carbon-Sattel

Vor gut einem Monat erhielt ich von Velocite einen Vollcarbon-Sattel zum testen. Seine Besonderheit: das Gestell, welches nicht wie herkömmlich an drei Kontaktstellen mit der Sattelschale verklebt ist, sondern hinten quasi federnd montiert ist.

 

 

 

Carbon-Parts allgemein und Carbonsättel im Speziellen haben es mir als Hobby-Laminierer ja schwer angetan. Ich weiß, ich kann die Trekkingbike-Fahrer bereits vom Stammtisch herübergrölen hören. Viel zu hart, macht impotent usw. Stimmt allerdings nicht – für den Komfort sind lediglich Größe (wenn das bestehende Körpergewicht X auf eine Sitzfläche Y verteilt wird, sinkt der empfundene Druck pro Quadratzentimeter Sitzfleisch natürlich mit wachsender Sitzfläche) und Formgebung/Flex (je besser die Form zum Gesäß passt, desto weniger störende Druckspitzen gibt es) relevant. Mein dereinst selbstgebauter 68 g Carbonsattel war mitunter der bequemste Arbeitsplatz, den ich je hatte. Seine runde Form und der belastungsgerechte Einsatz von Kohlefasern ermöglichten volle Offroad-Haltbarkeit und gleichzeitig jede Menge Flexibilität.

Der Markt für Kohlefasersättel lässt sich grob in zwei Gruppen unterteilen: In der einen Ecke finden sich kleine Leichtbauschmieden mit sündhaft teuren, bis aufs letzte abgespeckten Nobel-Parts (z.B. AX Lightness, Tune Concorde); in der anderen Ecke halbwegs leistbare Hausmannskost aus Fernost, die mehr auf exklusive Optik und großserientauglichen Leichtbau setzen. Der Velocite SCS gehört zur letzteren Gruppe, und steht doch irgendwie alleine da.

 

 

Bitte kein Relabelling-Nepp

Die Form an sich kennt man bereits von anderen Taiwan-Herstellern und Badge-Engineering-Buden. Sie orientiert sich tendeziell am Top-Seller Selle Italia SLR, der sich auch recht ähnlich anfühlt. Schließlich ist dessen dünne Polsterung ohnehin mehr optische Beruhigung als echtes Komfort-Feature. Die Sattelnase ist recht spitz geformt, was am MTB unter Umständen etwas schmerzhaft enden kann, wenn man sie sich beim Herumtrialen in den Hintern oder Rücken rammt. Tendenziell aber eher unwahrscheinlich. Das Loch in der Sattelmitte hatte zumindest auf meine Cojones weder positive noch negative Effekte, ich kam mit dem SCS ohnehin gut zurecht. Auffallend ist der im Vergleich zur runderen Superleicht-Fraktion geringere Flex der Sattelschale, welcher von der flachen Bauweise herrührt. Um die Stabilität nicht zu beeinträchtigen, musste die Schale nämlich dicker konstruiert werden. Mit einer runderen, seitlich weiter heruntergezogenen Formgebung ließen sich die Materialvorteile von Kohlefaser vermutlich noch etwas besser nützen.

Doch das Sattelgestell macht Vieles wieder wett. Velocite bediente sich hierbei an einer alten Idee, die man unter anderem bereits vom Selle Italia Signo kennt: Die hinteren Enden des Gestells sind durch eine Brücke verbunden, welche an einem einzigen Punkt mit der Schale verbunden ist und wie eine Blattfeder funktioniert. Feine Vibrationen werden dadurch herausgefiltert, wobei dieser Effekt am Straßenrad sicher mehr zum Tragen kommt, als am MTB.

 

 

 

 

Die Verarbeitung des Sattels lässt keine Wünsche offen. Unter einer dicken Klarlackschicht geschützt kommt die Carbonstruktur besonders gut zur Geltung und sollte auch nach vielen Kilometern nicht durchgescheuert sein – man kennt das von der Konkurrenz ja auch ganz anders. Selbst die Unterseite gibt sich glatt und kantenfrei, ebenso wie die seitlichen Kanten, womit das teure 2XU Beinkleid nicht durchgescheuert wird. Besonderes Lob gibt es für das Sattelgestell, welches hochoval im Querschnitt und also extra bruchresistent ausfällt. Zudem ist es mit einem Speziallack für mehr Grip beschichtet, wodurch die Klemmkräfte deutlich reduziert werden können. Jedoch kann es je nach Klemmprinzip notwendig sein, die Aufnahme der Sattelstütze um ein paar Zehntelmillimeter auszufeilen.

 

 

 

 

Alles in allem hat der Velocite SCS durchaus zu gefallen gewusst. Meinem Hintern passte er jedenfalls sehr gut, und vergleichsweise selten ist er obendrein. Mit einem empfohlenen Richtpreis von USD 159,- tritt er in den direkten Zweikampf mit dem carbonfreien Top-Seller SLR TT, schlägt ihn aber auf der Waage doch deutlich (gewogene 118 vs. 151 g). Die Magersuchtsmodelle sind da mitunter nochmals bis zu 50 g leichter, kosten allerdings auch das Zwei-bis Dreifache.

Es ist jedenfalls positiv zu sehen, dass auch im Massenproduktionsland Taiwan eine Firma eigene Wege geht. Bei einem projektierten Triathlonsattel konnte ich jedenfalls schon ein paar Inputs geben – wenn er so kommt, wird das ein ganz großes Ding.

 

 

Verfasst von Rocco am Fr, 06/11/2010 - 21:38.

nettes Ding- mal' schaun' wie der Tri Sattel wird...

...optisch ansprechende bzw. auch über längere Strecken fahrbare Sättel gibts ja grundsätzlich einige, für mich stellt sich dann meist die Frage: behäng' ich so ein Ding mit einer Satteltasche oder nicht!?

Dürft' ich mal fragen wie Rocco das macht? ...also: wo verstaust du Ersatzschlauch, ev. mini-Multitool und ev. Handy wenn du (bei Trainings) unterwegs bist? ...so ganz nackt wirst du diesbezüglich nicht unterwegs sein, oder??

fast immer ohne

das handy kommt in die radtrikot-rückentasche. multi-tool brauch ich keines weil meine bikes technisch einwandfrei sind - die meisten defekte verhindert man, wenn man sein zeug pflegt und wartet. wüsste nicht, wozu ich ein tool bräuchte.

ersatzschlauch hab ich nie mit. nur manchmal auf mallorca hatte ich einen mit. aber wenn die reifen nicht komplett rissig sind, braucht man eigentlich keine sorgen haben. auch da wieder: pflege verhindert defekte. sollte ich aus irgendeinem seltenen zufall (nagel,...) dennoch einen patschen haben, fahr ich auf der felge nach hause oder ruf nen kumpel an. in den meisten fällen aber fahre ich wie gesagt mit dem platten nach hause. das längste waren mal 65 km auf mallorca. der felge passiert übrigens nix, wenn man nicht über steine fährt und bei rillen das rad entlastet.

Danke fuer den Bericht

Servus Rocco,

vielen Dank fuer den super Test, ich werde die Anregungen zur Verbesserung weitergeben.

Wenn noch jemand Fragen hat kann er sich gerne an mich wenden.

Jever98 aka Nicolas aka Velocite Sponsorship manager

der velocite sieht nicht schlecht aus

kennst du den saevid s1? von dem hört man viel gutes http://www.saevid.com/ vor allem die option das design selbst zu gestalten hat was

sieht auch gut aus

der saevid stammt von der form her sicher von nem SLR ab. ist ne gute basis, um erste gehversuche beim carbonbasteln zu machen. hab ich auch gemacht, damals sogar mit nem kevlargestell. ist aber leider ein hund, wenns um die nachbearbeitung geht, weil leider nicht wirklich sauber schleifbar :(